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Eis- und Rollkunstlauf: Verliert der Sport zwei Jahrgänge?

Nicht nur die populären Teamsportarten trifft die Corona-Pandemie. Auch die Eis- und Rollkunstlauf-Abteilungen in Schweinfurt und Haßfurt leiden. Zerbrechen sie an der Krise?

Zuhause bei Dagmar Buchholz-Köhler gab es über Jahre oft nur ein Thema: Wohin und auf welche Eisbahn verschlägt es die Familienmitglieder am anstehenden Wochenende? "Bei mir waren die Schlittschuhe schon mit in der Wiege gelegen", erzählt Buchholz-Köhler. Ihre Mutter war eine gute Eiskunstläuferin und Trainerin - und sogar Teil der Berliner Eisrevue. "Meine Leistungen waren aber nicht erwähnenswert", meint Buchholz-Köhler auf Nachfrage zu ihrer aktiven Karriere als Eiskunstläuferin. Sie lacht herzlich. Später wurde auch sie Eiskunstlauf-Trainerin, ihre überfachliche Ausbildung als Fachübungsleiter machte sie in West-Berlin, ihrem Geburtsort - hernach in Bayern folgte dann die fachliche unter Erich Zeller, dem legendären Bundestrainer und Präsidenten des Eiskunstlauf-Weltverbandes.Die Wahl-Schweinfurterin, seit 1991 lebt sie in der Stadt, gerät schnell ins Schwärmen, wenn es um ihre Sportart geht. Sie erinnert sich auch gern zurück, wie es zu der Zeit, als ihre Tochter und ihr Sohn noch klein waren, am Frühstückstisch rundging. Ihre Tochter ist wie sie Eiskunstläuferin, heute ebenfalls Trainerin. Ihr Ehemann und Sohn haben sich dem Eishockey verschrieben. Jeder war irgendwo unterwegs, meint sie.

Doch gehen die Gespräche hin zur Gegenwart, wird der Gesichtsausdruck der Trainerin, die auch beim ESC Haßfurt tätig ist, nachdenklicher. Für den Sport ist die derzeitige Lage in der Pandemie verheerend. Besonders hart trifft es "komplexere Sportarten", wie etwa Eiskunstlaufen - da ist sie sich sicher. Höher, schneller und weiter ist beim Eiskunstlaufen keine Übertreibung. "Im Eiskunstlauf gibt es nach oben hin fast keine Grenzen mehr. Mittlerweile ist es fast Usus, dass man alles vierfach springt. Zu meiner Zeit war man der King, wenn man alles doppelt konnte."

Es dauert sehr lange, bis die Kinder den Sport gut beherrschen. Dafür sind unzählige Trainingsstunden notwendig. "Es braucht Jahre, bis die Füße auch denken", beschreibt sie die Komplexität der Sportart.

Gut 50 Aktive zählt der ERV Schweinfurt rund um das Eislaufen. Angefangen von Fünfjährigen bis hin zu Erwachsenen aus der ganzen Region - von Würzburg bis in die Rhön. Gerade die Arbeit mit den Kindern in den zwei Vereinen macht ihre große Freude: "Ich messe mich nicht daran, ob die Kinder Titel gewinnen. Viel wichtiger ist, dass sie Spaß haben." Im gehobenen Breitensportbereich hat der ERV einige vielversprechende Nachwuchstalente. Für die entwickelt sich die Krise aber zu einem echten Problem. Essentiell für den Fortschritt im Eiskunstlauf im Nachwuchs ist das Ablegen von Prüfungen, bei denen verschiedene Elemente und Schritte vorgemacht werden müssen. Anhand der Prüfungen erfolgen Einteilungen in verschiedene Kategorien, um an Wettbewerben teilnehmen zu können.

Die Prüfungen im März 2020 fielen der Pandemie zum Opfer. Dabei hatten die Trainerin und die Sportler schon seit Wochen darauf hin trainiert. Das gleiche Spiel wiederholte sich dann im Herbst. Auch die Prüfungen, die für Anfang November terminiert waren, entfielen. Wieder war die akribische Vorbereitung umsonst. Das bringt Probleme mit sich, die eventuell nicht mehr aufzuholen sind.

Ist der Zug schon abgefahren?

Für viele Talente - egal ob aus Haßfurt oder Schweinfurt - könnte die noch junge Karriere dadurch einen großen Knick erleiden. "Wir hängen jetzt eineinhalb Jahre hinten nach", versucht Buchholz-Köhler zu erklären. Um etwa an bayerischen Meisterschaften teilzunehmen, sind bestimmte Prüfungen notwendig, die bis zu einem gewissen Alter abgelegt werden müssen. "Für viele Kinder ist damit der Zug schon abgefahren. Die werden es nicht mehr schaffen, leistungsmäßig in die richtigen Klassen zu kommen", sagt sie. "Das ist frustrierend", fügt sie an. Die Kaderathleten – beim ERV Schweinfurt gibt es keine – dagegen durften durchweg trainieren.

Ihre Top-Talente dagegen, die in einem Leistungsbereich waren, in dem sie bei den Turnieren im Vergleich mit den Kaderathleten mitmischen konnten, werden jetzt unweigerlich abgehängt. "Das ist wirklich schade. Den Kindern wird dadurch ein Anreiz genommen", ärgert sie sich. Außerdem fehle den Kindern und Jugendlichen ganz einfach der Sport im Alltag. "Die hatten ihre Woche immer minutiös geplant." Schule, Hausaufgaben, Eisbahn. "Meine Kids sind es gewohnt, sich auszupowern. Das fehlt jetzt. Das ständige Sitzen vor dem Computer ist für die Kinder wirklich schwierig." Das bekommt Buchholz-Köhler auch als Feedback von den Eltern.

Der kleine Hoffnungsschimmer, den man vor Kurzem bekommen hat, ist auch schon wieder Schnee von gestern. Nach einer Woche Training für die Kinder unter 14 Jahren auf der Rollschuhbahn im Freien neben der Schweinfurter Eishalle – die Sommermonate werden in Normalzeiten ohnehin immer für Rollkunstlauf genutzt – ist nach dem neuerlichen Anstieg der Inzidenzwerte schon wieder Schluss.

"Das ist wirklich dämlich, wenn man als Trainer jahrelang etwas aufbaut und die ganze Arbeit jetzt kaputtgeht. Es ist frustrierend." Buchholz-Köhler fürchtet, dass zwei Jahrgänge komplett wegbrechen könnten – das gilt auch für den Eishockey-Nachwuchs in den Vereinen.

Ihr Blick geht aber mittlerweile in Richtung September. Dann wird sich auch zeigen, wie viele noch an Bord sind und weitermachen wollen. Dann beginnt der mühsame Wiederaufbau, damit irgendwann auch woanders am Frühstückstisch ganz unbeschwert wieder der Sport auf dem Eis das Thema Nummer eins sein kann.